Hellweger Anzeiger, 24. Dezember 2009

  WORT ZUM SONNTAG  


Adventsgesichter

 Von Bernhard Middelanis

Liebe Leserinnen und Leser,

Visionen und Adventsgesichter haben uns in den Gemeinden Liebfrauen Holzwickede und St. Stephanus Opherdicke durch den Advent begleitet. An den Adventssonntagen gingen wir in den Messfeiern immer von einer ganz bestimmten einzelnen Persönlichkeit aus und schauten uns ihr „Gesicht“ an. Das war eine Frau aus unserer Gemeinde, die vor 20 Jahren bei den Montagsdemonstrationen mit dabei war, das waren Papst Johannes XXIII., Adolph Kolping, Martin Luther King, Mutter Teresa, Sumaya Farhat-Naser (eine christliche Palästinenserin) und Frère Roger Schutz, der Gründer der Gemeinschaft von Taizé.

Alle diese Personen waren oder sind immer noch beseelt von einer Vision. Das hat mir von Anfang an, als wir mit der Adventsgestaltung begannen, gefallen. Denn eine Vision haben, bedeutet, eine Hoffnung zu haben, aus einer Hoffnung zu leben. Die Montagsdemonstranten haben erlebt, dass ihre vielleicht am Anfang noch kleinen Hoffnungen auf Reisefreiheit übertroffen wurden und zur Einheit der Deutschen führten. Frère Rogers Vertrauen in die Jugend hat zu einem starken und noch immer andauernden Prozess des Aufbruchs geführt. Sumaya Farhat-Naser gibt den Glauben an die Verständigung und den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern nicht auf und arbeitet ständig an neuen persönlichen Kontakten; auch über die Mauer hinweg, die die beiden Völker voneinander trennt.

Als Kind, vor etwa 40 Jahren, habe ich im Religionsunterricht und zuhause gelernt, dass die Israeliten mit schier unglaublicher Geduld durch Jahrhunderte hindurch auf den Erlöser gewartet haben. Das war der große Advent des Volkes Israel, das den Messias erwartete. Also haben auch die Israeliten damals eine Vision gehabt, gab es etwas, das sie nach vorne zog, das sie hoffen ließ, etwas, das sie nicht stehen bleiben oder resignieren ließ.

Die Hoffnung ist nicht ins Leere gegangen, die Hoffnung auf Freiheit und Selbstbestimmung, die Hoffnung auf einen Halt im Leben, die Hoffnung auf Gerechtigkeit und ein versöhntes Miteinander. Sie hat sich nicht als Illusion herausgestellt. Sondern sie ist Fleisch geworden und hat ein Gesicht bekommen.

Jesus Christus ist das Adventsgesicht schlechthin, besser gesagt, das Gesicht der Heiligen Nacht. Er schenkt uns die Vision vom Reich Gottes, er zeigt uns das Gesicht Gottes: Als Kind in der Krippe, als Verkünder der Frohen Botschaft und als Schmerzensmann. Gottes Gesicht scheint geheimnisvoll durch ihn hindurch, durch sein Menschenschicksal, nicht glatter oder leichter als unseres, aber doch wirklich Gottes Gesicht in einem Menschengesicht. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, wird er kurz vor seinem Leiden zu Philippus und den anderen Aposteln sagen.

Adventsgesichter umgeben uns. Denn die Menschen in unserer Nähe stehen vielleicht nicht für große Visionen, aber ihre Gesichter offenbaren eine Verheißung und Hoffnung auf Leben, auf Heil.

Feiern wir Weihnachten und danken wir Gott, dass Er das Gesicht eines Menschen angenommen hat, dass er jedem Menschen damit eine unendliche Würde und Verheißung schenkt, dass Er uns durch die Menschen in unserer Umgebung nahe ist! Frohe Weihnachten!


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